Dieter David Scholz

Frühkritik in MDR Figaro, 18.04.2011, 08.40 Uhr:


Peter Konwitschnys „Elektra“ zum Dritten!
Diesmal am Opernhaus Leipzig

Premiere 16.04.2011

Moderator: Diese Elektra-Inszenierung von Peter Konwitschny ist ur-sprünglich in Kopenhagen herausgekommen, wurde dann auch in Stuttgart gezeigt und ist jetzt in Leipzig zu sehen. Vorgestern abend war Premiere im Opernhaus. Dieter David Scholz, ist diese Inszenierung so originell, dass sie nun schon den zweiten Aufguss verträgt?

Dieter David Scholz: Zumindest ist so eine Produktionsweise kosten-sparend. Im übrigen will man ja an der Leipziger Oper, so etwas wie ein szenisches "Museum Konwitschny" einzurichten, um es mal salopp zu sagen, man könnte auch sagen permanente "Konwitschny-Festspiele". Es werden ja am laufenden Band alte Arbeiten von ihm aufgewärmt. Aber Hand aufs Herz, seine Elektra-Inszenierung ist zumindest insofern nicht uninteressant, als sie eine psychologische Lesart ist, die die Vorgeschichte der Oper zeigt, die man kaum je sieht,  also die Ermordung König Aga-memnons durch seine Gattin Klytemnästra und ihren Liebhaber Ägisth. Und das nimmt Konwitschny zum Ausgangspunkt,  das Stück zu über-tragen ins Hier und heute und zu zeigen als eine Parabel auf die Brutalität von Systemwechseln und Machtübernahmen.

Moderator: Wie veranschaulicht Konwitschny denn sein Konzept? Was sieht man da auf der Bühne?

Dieter David Scholz: Man sieht, als Vorspiel sozusagen, den jungen Aga-menon in einer antiken Badewanne sitzen. Er planscht mit seinen drei Kin-dern Orest, Elektra und Chrysothemis. Dann kommen seine Gattin Klytem-nästra und ihr Liebhaber Ägisth und erschlagen ihn mit einer Axt im Bade. Das Blut spritzt hoch an die Spiegelwand und dann bleibt diese Wanne den ganzen Abend über auf der Bühne. Das ist eine nackte Bühne, auf der nur eine weisse Ledersitzgruppe steht. Im Hintergrund sich verändernde Wet-terprojektionen, und darüber ein Timecode, der verkehrt herum läuft bis zum Countdown der Ermordung Klytemnästras und Ägisths durch den heimkehrenden, inzwischen erwachsenen Orest. Alle Personen sind in heu-tige Kostüme gesteckt. Nichts von Antike also. Es könnte überall spielen. Nur die antike Badewanne mit dem toten Agamemnon, die wird die ganze Vorstellung hindurch vom handelnden Personal fleissig hin- und herge-schoben, damit auch jeder Zuschauer begreift: Der ermordete Agamenon ist psychisch bei Allen ständig präsent Das leuchtet ein. Wird aber szenisch überstrapaziert. Es gibt da geradezu lächerliche Szenen, beispielsweise wenn der tote Agamemnon sich plötzlich aus der Badewanne erhebt, aussteigt und sich auf die chicke Klubgarnitur setzt, um eine Zigarette zu Rauchen und ein Gläschen Hochprozentigen zu trinken. Auch die Schluss-szene trägt dann sehr dick auf. Nachdem Orest seine Mutter und seinen Stiefvater erschossen hat, mäht er den kompletten Hofstaat mit Maschinen-gewehrsalven nieder. Die Leichenberge türmen sich. Und dazu zeigt Kon-witschny ein prachtvolles Feuerwerk. Ein starkes Bild, zugegeben, das sich aber schnell abnutzt. Das Ganze ist natürlich ein Affront gegen die Musik. Der wahnsinnige Todestanz Elektras und der musikalische Rachejubel des Orchesters werden völlig ignoriert. Und eigentlich versteht man auch nicht ganz, warum Elektra und ihre Schwester Chrysothemis nun auch noch sterben. Wahrscheinlich wurden auch sie von Gewehrkuglen getroffen. Sie fuchteln jedenfalls ebenso lächerlich an sich herum, wie die übrigen Getö-teten, als hätten auch sie ein Rückenleiden. Also in der Personenführung ist Manches fragwürdig und uneinleuchtend.

Moderator: Sie haben die wichtigsten Figuren der Oper namentlich er-wähnt. Es braucht stimmstarke Ausnahmesänger, sie mit darstellerischem Leben und Stimme glaubwürdig zu verlebendigen. Hat man die in Leipzig zur Verfügung?

Dieter David Scholz: Also eine Sängerdarstellerin ist jedenfalls grandios, das ist Doris Soffel als Klytemnästra. Sie ist derzeit eine der weltweit ge-fragtesten Interpretinnen dieser Partie. Leider hat ihr Konwitschny durch seine  Übertragung ins Alltägliche jeden Hauch von Dämonie und innerer Verfaulung geraubt. Was zu dieser Figur gehört. Sie ist bei ihm nur noch eine dem Suff ergebene, reiche alte Dame. Aber Doris Soffel ist dennoch die beste, wortverständlichste und überzeugendste Sängerin des Abends. Die Elektra von Janice Baird ist zwar sehr laut, hat aber starke technische Mängel und eine sehr unausgeglichene Stimme. Auch Gun Brit-Barkmin als Chrysothemis legt mehr Gewicht aufs Schreien, anstatt aufs Singen. Tuomas Pursio als der rächende Orest singt dagegen geradezu wohltuend zurückhaltend, bleibt aber in dieser Partie zu blass. Und der Ägisth von Viktor Sawaley ist - mit Verlaub gesagt - darstellerisch wie sängerisch der dürftigste, den ich je erlebt habe. Von den Nebenfiguren will ich gar nicht reden.

Moderator:  „Elektra“ ist eines der Schlüsselwerke der modernen Oper. Am Pult dieser Aufführung steht der neue GMD Ulf Schirmer. Wie ist er mit diesem Stück umgegangen?

Dieter David Scholz: Schlampig vor allem und undifferenziert. Schon in der einleitenden Mägdeszene hatte Ulf Schirmer große Koordinationspro-bleme. Da waren Orchester und Sänger ziemlich auseinander. Und er hat von Anfang an das Gewandhausorchester viel zu laut spielen lassen. Er setzt auf vordergründige Effekte, läßt es ordentlich krachen. Dynamische, agogische Feinarbeit ist seine Sache nicht. Seine Lesart ist eindimensional, relativ spannungs­los und  banal. Das ist schon ein Kunststück, bei dieser starken, vielschichtigen Musik. Und um so bedauerlicher, als schon die Premiere nicht ausverkauft war, sondern nur gut zu zwei Dritteln besetzt. Auch das ist eigentlich bei diesem Stück ungewöhnlich und gibt zu denken!