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Dieter David Scholz
DVD-Besprechung Das Globe-Theater wurde 1599 in Bankside, einem Londoner Stadtteil am rechten Thems-eufer, außerhalb der Innenstadt erbaut. Und zwar von der Schauspieltruppe The Lord Cham-berlain’s Men (später umbenannt in The King’s Men), zu der auch William Shakespeare ge-hörte. Shakespeare war der Hausdichter dieses Unternehmens, und dort wurden in den Fol-gejahren alle seine Stücke aufgeführt. Das Globe wurde 1613 durch ein Feuer vernichtet, im Juli des folgenden Jahres wiedereröffnet, aber im Jahre 1642 auf Beschluß der puritanischen Regierung, alle Vergnügungsstätten, und somit auch die Theater, zu schließen, endgültig still-gelegt. Zwei Jahre später wurde es abgerissen. Gut 450 Jahre später wurde es auf Initiative des amerikanischen Schauspielern Sam Wanamaker rekonstruiert und wiedereröffnet. Seither führt es in jedem Sommer mehrere Shakespeare-Stücke auf. Beim Label Opus Arte ist jetzt eine DVD-Box mit drei Shakespeare-Inszenierungen aus dem Globe Theater in London erschienen: „Love´s Labour´s lost“ oder „Verlorene Liebesmüh“ ist eine Eine dieser spektakulären Aufführungen Auf einem Laufsteg quer durch das Parterre bewegen sich Musiker und Pantomimen, zum Anfassen nahe. Es ist Theater der Tuchfühlung zwischen Zuschauern und Akteuren, das im Londoner Globe gespielt wird, wie zu Zeiten Shakespeares. Vor mehr als 400 Jahren spielte man so Theater. In einem runden Fachwerkbau, drei Stockwerke hoch und gut 30 Meter im Durchmesser. Im Innenhof gibt es nur Stehplätze. Unter freiem Himmel. In den umlaufenden Galerien sind überdachte Sitzplätze. Dieses Theater bot ursprünglich Platz für mehr als 3000 Menschen. Heute darf aus Sicherheitsgründen nur gut die Hälfte in dieses Freilufttheater.
Die rechteckige, etwa 15 Meter breite und 9 Meter tiefe Bühne des Globe ragt weit in den Zuschauerraum hinein. Sie ist Im Gegensatz zum Innenhof überdacht. Das Dach dient nicht nur dem Schutz der Schauspieler vor dem unberechenbaren Londoner Wetter, sondern wird auch als Teil der Schauspiele genutzt. Es ist prächtig bemalt im Stil der Renaissance und von diesem Himmel können Figuren des Stücks an Seilen auf die Bühne fliegen. Eisabetha-nisches Theater, wie es einmal war, zu Zeiten von Shakespeare. Eine Zeitreise zurück. Alles akribisch rekonstruiert. Ein Freiluftmuseum gewissermassen. Aber ein höchst vitales. Es sind richtige Shows, man konnte fast sagen Musicals, Schauspiele als mit Musik, Tanz, Gesang und allerhand Späßen und deftigen Vergnügungen angereicherte Spektakel, die ohne Distanz zum Publikum dargeboten werden. Alljährlich zwischen Mai und September finden sie statt. Der Ansturm auf die begehrten Eintrittskarten ist groß. Vor einem Jahr hat man – zur Freude aller, die keine Gelegenheit haben, das Globe live zu erleben - drei Aufführungen mit-geschnitten auf DVD, darunter die selten gespielte frühe Komödie „Love´s Labour´s lost“.
Zu spanischen Klängen spielt der Schauspieler Philip Cumbus mit quasi spanischem Akzent den Prinzen von Navarra. Eine Überzeichnung, eine Karikatur. Aber so war die Rolle auch gemeint. Und schließlich gibt es so gut wie keine Kulissen, nur spanische Musik. Aber jeder Zuschauer versteht: Aha, das Stück spielt in Spanien. Und dann beginnt sie, die Komödie über die männliche Hofgesellschaft Ferdinands von Navarra, die sich schwört, drei Jahre lang sich ausschließlich humanistischen Studien zu widmen und die Frauen zu meiden.
Die Damen betreten die Bühne, die Prinzessin von Frankreich samt Hofdamen. Und alle männlich eitlen Pläne von Enthaltsamkeit und Bildung werden zunichte. Eros schlägt zu. Die Prinzessin von Frankreich und ihre Damen verwirren den Herren Höflingen von Navarra die Sinne. Es kommt, wie es kommen muss: die Männer schlagen Kapriolen in Liebesraserei, die hochmütigen Frauen spielen Abweisung. Alle großen Auftritte sind übrigens mit Musik der Shakespearezeit begleitet. Und man spielt diagonal, symmetrisch angeordnet, choreographiert und improvisiert auf der weit ins Parkett vorgebauten Bühne, aber auch auf der Galerie im ersten Stück hinter der Bühne. Alles ist aus Holz, bunt bemalt, ein Traum in britischer Renaissance. Dazu prachtvolle historische Kostüme. Theater ist im Globe, was es eigentlich ist: Aktion der Schauspieler.
Die Aufführungen im Globe werden natürlich in echtem Shakespeare-Englisch gegeben. Auf der DVD kann man sie sich mit Text unterlegen lassen, zum Mitlesen. Die allesamt sehr jungen, sportlichen Schauspieler verstehen es allerdings so fabelhaft, das, was gemeint ist, körperlich und mimetisch auszudrücken, dass auch der des historischen Englischs nicht Mächtige versteht, worum es geht. Das Theater der Shakespearezeit hatte noch den An-spruch, für jedermann verständlich zu sein. Deshalb zog und zieht man im Globe alle dar-stellerischen, auch akrobatischen Register: Die liebestollen Höflinge von Navarra reiten beispielsweise huckepack aufeinander, wenn keine Pferde auf der Bühne zu haben sind. Und blasen ausgelasen in Stierhörner. Was das Publikum entzückt. Erotische Andeutungen und obszöne Gesten eingeschlossen. Man war nicht prüde zu Shakespears Zeiten.
„Love´s Labou´s Lost“ ist eine von Shaekespeares literarischsten Komödien, die kunstvoll Sprache karikiert und sich über aristokratische Umgangsformen ebenso lustig macht wie über den Geist, der sich übers Fleisch erhebt. Am Schluß gibt es denn auch eine unerwartete Wendung. Wer authentischen Shakespeare sehen und hören möchte, wer großes Schauspie-lertheater aus dem Geist der Comedia-dell-Arte mag und Sinn hat für „Historischen Auffüh-rungspraxis“ im Szenischen, der wird seine Freude haben an den Aufführung aus dem Lon-doner Globe-Theater. Sie haben Witz, Tempo, Charme und viel Poesie. Und beweisen uns Heutigen, dass man geistig anspruchsvolles und zugleich sinnlich-unterhaltsames Theater auch ohne Ausstattungswahn und ohne alle Regietheater-Verrenkungen machen kann.
MDR Figaro |