Dieter David Scholz

Premieren-Kommentar


Bizets "Carmen" an der Oper Leipzig
Premiere 10.5.2009

Carmen verspießert, banalisiert, verhunzt...

Carmen ist eine Oper, deren Aufführungen meist klischeebehaftet sind. An der Leipziger Oper kam gestern abend eine Neuinszenierung  der Konwitschny-Schülerin Tatjana Gürbaca heraus, die bekannt dafür ist, dass Sie Klischees und Stereotypen sprengt.

Sie hat das Stück aus der Perspektive der Heimatlosen und Armen erzählt, der Outcasts und der Kriminellen, wogegen nichts zu sagen ist, allerdings in "heutiger" Optik. Das Stück spielt also nicht im Spanien des 19. Jahrhunderts, sondern im Schlafsaal einer Kaserne, an der Grenzabfertigungsstelle und im Wohnzimmer einer Plattenbausiedlung mit dem diskreten Charme spießiger Ostblock-Ästhetik der – sagen wir mal - Sechzigerjahre. So etwas wie eine DDR-Carmen-Phantasie. Die Regisseurin behauptet im Programmheft, sie wolle in ihrer Inszenierung Menschen zeigen, "deren Sorgen und Nöte wir nachvollziehen können" und die Geschichte so zeigen, dass sie uns meint. Eine sehr fragwürdige  Behauptung, denn wir gehen ja auch nicht ins Museum und schauen uns einen Michelangelo oder einen Rubens an, um einen Picasso oder einen Boys zu sehen, oder Leipziger Straßenmalerei. Natürlich kann man "Carmen" aktualisieren, fragt sich nur, ob man damit den Kern der Oper trifft und die Psy-chologie der Figuren dem Zuschauer besser erklärt als mit historischer Kulisse.

Tatjana Gürbaca versucht gar nicht erst, Merimées "Carmen" als historischen Konflikt oder als archaischen Mythos von radikaler Liebe und zwangsläufigem Tod zu entschlüsseln. Was man aber müsste, denn Carmen ist keine "heutige" Frau, ihr Konflikt ist nicht der "heutiger" Frauen. Seien wir mal ehrlich: Die heutigen Frauen sind doch keine fremdbestimmten, unterdrückten Sexualobjekte mehr und die heutigen Männer nicht mehr überwiegend frauen-feindliche Machos. Das ist doch ein erotischer Emanzipationskonflikt des spanischen, katho-lischen 19. Jahrhunderts. Anstatt das zu verdeutlichen, stülpt die Regisseurin dem Stück The-men über, die wir schon bis zum Erbrechen oft auf der Bühne gesehen haben: Men-schenschmuggel, Kinderhandel, Spießererotik, Prostitution und Männergrausamkeit. Don Jose ist der Trottel der Kompanie, Carmen ein billiges Flittchen, das im Tingeltangel Lillas Pastias nicht etwa als Zigeunerin, sondern als als Cowgirl auftritt. Das "Mädchen aus dem goldenen Westen" ist doch von Puccini? Die Soldaten trösten sich in ihren Kasernen-Betten mit Plüschtieren und mit Kindern. Im letzten Akt sieht man Escamillo und Carmen als Kleinbürger-Ehepaar auf dem Sofa sitzen. Natürlich wird das Eheweibchen Carmen am Ende auf dem Sofa von Don José, der schon in der Nachbarwohnung lauerte, erstochen. Das sind Gürbaca-Klischees und - mit Verlaub gesagt - Gürbaca-Dummheiten, die das Stück verspießern. Die Regisseurin hat dafür einen Buhsturm geerntet, der zeigte, dass sich der überwiegende Teil des Premieren-Publikums ganz und gar nicht gemeint und angesprochen fühlte von dieser Deutung, um nicht zu sagen Verhunzung des Stücks.

Musikalisch war die Aufführung dagegen recht  überzeugend. Wirklich hervorragend war Ekaterina Semenchuk als Carmen. Neil Shicoff als Don José hatte allerdings keinen guten Tag gestern, der in die Jahre gekommene Startenor war hörbar überanstrengt. Was der Aufführung allerdings noch mehr zusetzte, waren die peinlichen Dialoge, die demonstrativ ins Mikrofon gesprochen werden, Dialoge von banalem Unterschichts-Gossenjargon, der mehr über Frau Gürbacas eingeschränkten Horizont, als über Bizets "Carmen" sagt. Man spielt in Leipzig die Opera comique-Fassung. Man singt also französisch, die Dialoge werden deutsch gesprochen. Nur haben  diese schnoddrigen Gürbaca-Texte mit Meilhac-Halevys Texten ebenso wenig zu tun wie das, was man in den Übertiteln liest. Das sind weitgehend freie,  niveaulose Kommentare.  Ein starker Eingriff in die Oper und eine so proletenhafte wie geschmacklose Banalisierung des Stücks. Schade, den Antonello Allemandi hat mit dem Gewandhausorchester eine mitreißende musikalische Lesart dargeboten.  Aber da war nichts mehr zu retten.

 

 

MDR-Figaro 11.5.09