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Dieter David Scholz
CD-ROM-Rezension
Rudolph Angermüller: Wolfgang Amadeus
Mozart.
Leben und Werk. CD-Rom
Digitale Bibliothek 130
Direktmedia Publishing, Berlin 2005, 75,00 Euro

Publikationen über Publikationen sind im globalen Gedenk-Rummel zum
Mozartjahr 2006 erschienen. Nicht eben viele dürfen als wichtig gelten. Kaum
eine wird dem Anspruch gerecht, Neues, Erhellendes zur Mozartforschung
beizutragen. Dafür boomen die audiovisu-ellen, die digitalen Medien mit
überwiegend Altbekanntem über Mozart zum gefälligen Hören und Schauen
zubereitet. Fast eine Sensation darf daher die auf CD-Rom erschienene
Mo-zart-Enzyklopädie der „Digitalen Bibliothek“ die bei Direktmedia
Publishing, Berlin zum Mozartjahr veröffentlicht wurde, genannt werden.
* * *
Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde er in der Getreidegasse in Salzburg
geboren, vor mehr als zweihundert Jahren ist er in der Wiener
Rauhensteingasse gestorben, der meistgespielte, meistgeliebte „Klassiker“
der Welt. Alle lieben Amadeus, den Genius, das apollinische Wun-derkind, den
dionysische Rebell, den Urahn aller Popstars, auf deren Format er
inzwischen vielfach reduziert wurde, im Film und auf der Bühne. Die „Amadeus“-Welle
hat ihn vollends zur griffigen Kultfigur erstarren lassen. Schon seit dem
Mozart-Jubiläum 1956 ist die Fülle an Mozartbüchern ins Unüberschaubare
angewachsen. Der zweihundertfünfzigst Geburtstag Mozarts im Jahre 2006 hat
eine weltweite Flutwelle von Mozart-Literatur ausgelöst. Doch die Fülle an
Büchern über Mozart, sein Werk und seine Zeit steht im umgekehrten
Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit. Wer etwa auf neue biographische
Erkenntnisse oder neue Einsichten ins Werk Mozarts wartet, darf getrost
darauf verzichten, teure Neuerscheinungen zu kaufen
Wer allerdings bereit ist, in diesem
Mozartjahr für seine Neugier „in Sachen Mozart“ 75 Euro auszugeben, der kann
sich zu diesem Preis, den man nicht selten für ein Buch zu zahlen hat,
gleich eine ganze Mozart-Bibliothek anschaffen. Geradezu ein Spottpreis für
die etwa drei Dutzend – zum Teil mehrbändige, dicke Bücher, die auf der
neusten CD-Rom der „Digitalen Bibliothek“ enthalten sind, darunter 4
Werkverzeichnisse, vier autobiographische Werke, 18 Biographien, nahezu
sämtliche erhaltenen Briefe der Familie Mozart, 6 Werkdarstellungen,
bedeutende Zeitdokumente und reichlich Abbildungen. So etwas gab es noch
nie: Auf einer silbernen Scheibe eine ganze Mozart-Bibliothek,
Für
alle, die sich ernsthaft mit Mozart auseinandersetzen wollen hat der
Herausgeber Rudolf Angermüller auf der CD-Rom „Wolfgang Amadeus Mozart:
Leben und Werk“ eine sorgfältig edierte Mozart-Bibliothek zusammengestellt,
die die wichtigsten Titel der Mozartliteratur von Mozarts Lebenszeit bis in
die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts enthält. Es ist eine stattliche
Anzahl von Mozart-Titeln, die selbst in manchem musikwissenschaftlichen
Seminar nicht zu finden sein dürfte. Sie bietet einen gründlichen Einblick
in die Mozart-Literatur der vergangenen 250 Jahre. Neben Zeitdokumenten,
etwa Charles Burneys berühmten musikali-schen Reisebeschreibungen durch
Europa, eine der wichtigsten Quellen für jeden, der einen Einblick in die
Musikwelt des 18. Jahrhunderts gewinnen möchte, sind vor allem die wenig
bekannten und schwer zugänglichen Reisebeschreibungen von Johann Georg Keyßler aus dem Jahre 1751 hervorzuheben, der für Mozarts Reisen nach
Italien besonders wichtig war.
Der
Reiseschriftsteller Johann Georg Keyßler studierte in Halle an der Saale,
wurde 1713 Hofmeister zweier Grafen von Giech, mit denen er Reisen durch
Deutschland, Holland und Frankreich unternahm. 1716 reiste er mit den Enkeln
des Grafen Bernstorff nach England und hielt sich dort mehrere Jahre auf.
Dann bereiste er die Schweiz und Italien, abermals Frankreich, Holland und
Dänemark. Keyßlers Reisebeschreibungen in Form von Briefen berichten über
Dinge der Gelehrsamkeit, Denkmale, Museen, Kuriositäten der Kunst und Natur,
politische und wirtschaftliche Verhältnisse, über das Leben und die Sitten
an den europäischen Höfen. Bis zu Goethes Zeiten waren sie das wichtigste
Nachschlagewerk über Italien.
Leopold Mozart, der Vater Wolfgang Amadés, war nicht nur als Komponist,
sondern auch als Musikpädagoge eine Autorität. Sein „Versuch einer
gründlichen Violinschule“ ist heute ein Schlüsselwerk für das Verständnis
der so genannten „Historischen Aufführungspraxis“. Auf der
einhundertdreißigsten CD-Rom der Digitalen Bibliothek fehlt dieses Buch
Leopold Mo-zarts ebenso wenig wie seine hochinteressanten Reiseaufzeichnungen
und die Briefe an den Sohn Wolfgang. Aber auch die Aufzeichnungen der
Mozart-Witwe Constanze sind vollstän-dig enthalten. Daneben die berühmten
Mozart-Werkverzeichnisse von Johan Anton André, Otto Erich Deutsch und
Ludwig Ritter von Köchel. Die Mozartbiographien des böhmischen
Mozartzeitgenossen Franz Xaver Niemetschek aus dem Jahre 1798 und des
zweiten Mannes Konstanze Mozarts, des dänischen Diplomaten Georg Nikolaus
Nissen fehlen nicht, aber auch die wichtigsten Biographien des 19.
Jahrhunderts sind vertreten; etwa Johann Aloys Schlossers Mozartbuch von
1828, das Standardwerk von Otto Jahn - erschienen 1856 - und Friedrich
Karl Ludwig Nohls Buch aus dem Jahre 1860. Selbst-verständlich wurden auch
die Klassiker des 20. Jahrhunderts aufgenommen, die Bücher der
Musik-wissenschaftler Hermann Abert, Alfred Einstein und Paul Nettl. Der
Bogen spannt sich bis zu dem 2003 veröffentlichen Mozart-Buch von
Dirk Böttger. Wie bereits erwähnt, nahezu sämtliche Briefe Mozarts und
seiner Familie können eingesehen werden. Man findet zahl-reiche Raritäten an
Mozartliteratur, etwa die Mozartbiographie des russischen
Musik-schriftstellers Alexander Dmitrijewitsch Ulybyschew, die 1843
in Moskau erschien, der sechsbändige kulturhistorische Roman „Mozart. Ein
Künstlerleben“ des Theologen Heribert Rau aus dem Jahre 1858 und das
Mozartbuch des Schriftstellers, Lexikographen und Bibliothekars
Constant Ritter von Tannenberg Wurzbach aus dem Jahre 1864. Diverse
Werkbeschreibungen aus dem 18. und 19.Jahrhundert runden das opulente
Angebot dieser CD-ROM ab Eine Fundgrube also an historischer, zum Teil nur
sehr schwer zu be-schaffender Literatur. Und eine Zeitreise durch die
europäische Geistesgeschichte und ihre Auseinandersetzung mit Mozart. Man
darf ohne zu übertreiben von einer umfassenden Mo-zart-Enzyklopädie
sprechen, die die Hauptwerke der Mozart-Literatur dem Leser ungekürzt und
mit reichhaltigem Bild- und Fotomaterial zur Verfügung stellt.
Eine
Mozartbibliothek für die Westentasche, so könnte man die 130. CD-Rom der
Digitalen Bibliothek nennen. An Materialfülle, an Anschaulichkeit und
Benutzerfreundlichkeit bleibt kein Wunsch offen! Auch die Installation auf
dem PC ist – und das zeichnet alle Ausgaben der Digitalen Bibliothek aus -
kinderleicht. Es gibt famose Suchfunktionen, man kann ge-fundene Textstellen
markieren, zusammenstellen oder in andere bzw. eigene Texte hinein kopieren.
Nie war – für den über Mozart Schreibenden – das Zitieren so einfach. Kein
mühsames Abschreiben aus Büchern mehr. Vor allem Schüler, Studenten und
Wissen-schaftler werden davon profitieren. - Bei aller Berührungsangst mit
digitalen Medien oder berechtigter Skepsis aller Bücherliebenden:
Gründlicher und praktikabler, preiswerter und platzsparender als mit dieser
CD-Rom kann ein Einblick in die wichtigste Mozartliteratur kaum vermittelt
werden. Freilich, manche wichtigen Bücher der vergangenen Jahrzehnte bleiben
- wohl aus urheberrechtlichen Gründen - außen vor. Aber sie sind im
Buchhandel und in den Bibliotheken leicht erhältlich. Vieles aber, was auf
dieser CD-Rom der Digitalen Bi-bliothek enthalten ist, findet man, wenn
überhaupt, nur noch antiquarisch. Ein Grund mehr, sich die silberne Scheibe
anzuschaffen. Sie kann, um mit dem Herausgeber Rudolph Anger-müller zu reden-
„dem Leser helfen, einen neuen Einblick in die Mozartiana von einst und
jetzt zu vermitteln.“ Es ist schließlich auch im Falle Mozarts zuallererst
der Blick zurück, der die Augen fürs Wesentliche öffnet.
(SWR 2, Musik aktuell), "Das Orchester" (Schott Verlag)
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