Dieter David Scholz

Oper Leipzig.
Schlaglichter auf fünf Jahrzehnte Musiktheater
Herausgegeben von Harald Müller und Alexander von Maravić
Klappenbroschur mit 400 Seiten. Format: 230 x 270 mm. Preis EUR 28,00

 

Im Herbst 2010 feierte Leipzig das fünfzigjährige Bestehen des Neuen Opernhauses. An demselben Platz, wo das im Zweiten Weltkrieg zerstörte "Neue Theater" stand, wurde am 8. Oktober 1960 der erste Theaterneubau der DDR feierlich eröffnet. Ein opulenter Bildband rekapituliert 50 Jahre Bau- und Inszenierungsgeschichte des Hauses.

Ostalgie pur

Mit einem konzertanten Festakt wurde das neue Leipziger Opernhaus am 8. Oktober 1960 eröffnet. Nach der Zerstörung des seit 1868 bestehenden „Neuen Theaters“ am Augustusplatz im Zweiten Weltkrieg wurde 1956–1960 an gleicher Stelle ein neues Opern-haus errichtet, bei dem die spätklassizistischen Formen des Vorgängerbaues – in edelsta-linistischer Abwandelung - wieder aufgenommen wurden. Es war der größte, repräsentativste und modernste Theaterneubau der DDR, mit gewaltigem Bühnenraum und fast 1700 Zu-schauerplätzen. Heute steht der Bau zurecht unter Denkmalschutz. Wobei die Fotos vom baulichen Nachkriegs-Zustand des alten „Neuen Theaters“ zu denken geben. Der pracht-volle, klassizistische Bau war äußerlich weitgehend erhalten. Man hätte ihn durchaus wieder-herstellen können. Aber sein Abriss war eine politische Demonstration. Walter Ulbricht wollte es so. Er hat ja auch das Berliner Stadtschloss, das ebenfalls erstaunlich gut durch den Krieg gekommen war, abreißen lassen.

Der Regisseur Joachim Herz, der mit seiner „Meistersinger“-Aufführung 1960 den Bühnenbe-trieb des neuen Leipziger Opernhauses eröffnete, war die prägende Regisseurs­persönlichkeit der letzten 50 Jahre in Leipzig. In seinem letzten Interview hat er seine Jahre an der Leipziger Oper als seine sinnvollste Zeit betrachtet.

"Ja, denn da konnte man einen Spielplan gemeinsam aufbauen, der aus dem Nichts aufgebaut wurde. Das Haus war ja neu eröffnet worden. Und ganz wenige Stücke wurden übernommen aus dem bisherigen Spielplan. " (Joachim Herz)

Von Anfang an führte als Intendant Karl Kayser die Geschicke der Leipziger Oper, bis zur Wende 1989. Er regierte als Generalintendant nach Gutsherrenart die insgesamt 5 Theater der Stadt. Dirigenten wie Vaclav Neumann und Rolf Reuter setzten starke musikalische Ak-zente. Doch die Regie-Koryphäen des DDR-Musiktheaters, etwa Harry Kupfer oder Ruth Berghaus, fanden erst in der Ära Zimmermann  nach Leipzig. Respektable Solidität, aber auch Routine und Mittelmaß beherrschten regielich das Haus vor der Wende. Man spielte breites Repertoire. Das Sängerensemble, anfangs beachtlich, wurde systembedingt immer unzureichender. Dennoch sorgte der Leipziger „Ring“, den Joachim Herz  1973-1976 als ge-sellschaftskritische Parabel der Wagnerzeit herausbrachte, mit der hochdramatischen Sopranistin Sigrid Kehl als Brünnhilde, überregional für Beachtung.

Mit der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands  begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Leipziger Oper. Der Komponist Udo Zimmermann wurde auf Bitten des Dirigenten Kurt Masurs und des damaligen Runden Tisches im März 1990 als Intendant in Leipzigs Opernhaus installiert. Zimmermann beschloss die Flucht nach vorn:

"Ich habe hier in eine unterbelichtete Situation, denn sie war eine normale, aber sie kam aus dem normativen, Korsett der DDR, versucht zu überblenden mit Grenz­gänger­geschichten, mit den Ausnahmewerken, mit der zeitgenössischen Zeugenschaft, um dieses Haus über die Schwelle 89/90 hinweg überhaupt wieder ins Gespräch zu bringen in Deutschland." (Udo Zimmermann"  

Das Konzept Udo Zimmermanns – der herausragende Regisseure, Sänger und Dirigenten engagierte - gab der Leipziger Oper ein neues Image. Das Haus wurde wieder – weit über die Region hinaus – beachtet, auch wenn der Publikumszuspruch in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung zu wünschen übrig ließ.

2001/2002 wurde Henri Maier, der zuvor das Theater von Montpellier leitete, zu Udo Zimmermanns Nachfolger gewählt. Mit seinen überwiegend konventionellen  Produktionen, die geprägt waren von regielichem, sängerischem und dirigentischem Mittelmaß, begann der Niedergang der Leipziger Oper. Maier wurde 2007 von seinem Amt enthoben. Ein kurzes dirigentisches Glanzlicht steckte der Gewandhausdirektor Riccardo Chailly der Leipziger Oper auf. Doch nachdem 2008 Alexander von Maravic Intendant des Hauses wurde und den schwierigen Regietheater-Veteranen Peter Konwitschny zum Chefregisseur und heimlichen Operndirektor verpflichtete, kam es zum Bruch mit Chailly. Seither dümpelt die Leipziger Oper vollends in künstlerischer Bedeutungsarmut vor sich hin. Eine traurige Entwicklung. Nichts davon liest man in dem Buch. Stattdessen eitle Selbstbespiegelung von teilweise distanzlosen Autoren, die nur sich selbst feiern. Und das streckenweise  in einer „ostalgisch“ angehauchten Sprache von gestern, die irritiert. Nichtsdestotrotz wird ein - alles in allem - faszinierendes Stück Theater-, Inszenierungs-, aber auch Bau- und Architektur-geschichte dokumentiert. In verschwenderischer Bildfülle und bester Bildqualität. Die Chronologie aller Premieren am Leipziger Opernhaus in der Zeit von 1960 – 2010 ist verdienstvoll. Die Interviews mit Zeitzeugen und Persönlichkeiten, die das künstlerische Profil des Hauses geprägt haben, erinnern allerdings an ehemalige DDR-Jubiläums- und Jubel-bände, so wie die Meistersinger-Neuinszenierung von Jochen Biganzolli zum 50. Jubiläum des Hauses ja auch DDR-Nostalgie heraufbeschwor.

 

MDR Figaro