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Dieter David Scholz
Sorge um die Bayreuther Festspiele
Eine Zwischenbilanz am 16.08.2011
Moderator: Die diesjährigen Bayreuther Festspiele gehen in die Endrunde. Noch gut eine Woche dauern sie an. Am 28. August, also Sonntag in acht Tagen, gehen sie mit einer Tristan-Aufführung zu Ende. Wir wollen hier in Figaro Zwischenbilanz ziehen mit unserem Bayreuth- und Wagnerspezialisten Dieter David Scholz. Herr Scholz, Sie haben hier im Programm von der Tannhäuser-Premiere berichtet, mit der die diesjährigen Richard Wagner-Festspiele in Bayreuth eröffnet wurden. Eine auf ziemlich ein-hellige Ablehnung gestoßene Produktion, die zum Auftakt der Festspiele alles andere als Festspielstimmung hervorrief. Hat sich denn die Stimmung am Grünen Hügel etwas aufgehellt? Dieter David Scholz: Nein, das kann man nicht gerade sagen. Der Tannhäuser ist nach wie vor für die meisten Zuschauer ein langweiliges Ärgernis. Die Atmosphäre auf dem Grünen Hügel ist – wie selbst langjährige Beobachter der Festspiele eingestehen, geradezu gespen-stisch. Kein Glanz, kein Glamour, keine Begeisterung, keine eigentliche Festspielstimmung macht sich breit in diesem Jahr. Stattdessen mehr und mehr frustrierte Besucher, man sieht sehr viele enttäuschte Gesichter in Bayreuth. Und wenn man die Gespräche am Hügel be-lauscht oder mit Leuten vor Ort spricht, dann ist das doch überwiegend eine Mischung aus Besorgnis über den schlechten künstlerischen Zustand und über die fragwürdige, wo nicht gar beängstigende Zukunft der Festspiele. Selbst die Bayreuther, die ja in der Vergangenheit immer in Nibelungentreue zur Familien Wagner hielten, sind mehr und mehr über den neuen Kurs, den Katharina Wagner vorgibt, vergräzt, – wie man hört. Ausserdem soll sie auch öffentlich in ein Fettnäpfchen nach dem anderen treten. Und ob ihre Umgangsformen, ihre Selbstdarstellung nach außen und ihre Art von Äußerungen für die Festspiele gut seien, das fragen sich inzwischen auch Viele. Ganz zu schweigen von der eisigen, autoritären und wenig produktiven Atmosphäre hinter den Kulissen, von denen Mitwirkende der Festspiele berichten.
Dieter David Scholz: Also die Meistersingerinszenierung von Hausherrin Katharina Wagner wird nach wie vor gnadenlos vom Bayreuther Publikum ausgebuht. Katharina Wagner hat offenbar nichts Wesentliches, nicht einmal die umstrittensten Einfälle ihrer grellen, anfechtbaren Regie "verbessert". Immerhin ist die sängerische Besetzung nicht mehr so schlimm wie zu Beginn. Der Tristan von Marthaler – an dem sich ebenfalls von Anfang an die Geister schieden – ist nach wie vor eine kalte Angelegenheit, die auch sängerisch kein Festspielniveau bietet. Die Isolde von Iréne Theorin ist alles andere als eine souveräne Statthalterin von intonationsreiner Stimmschönheit und sängerischer Größe. Und Robert Dean Smith als Tristan übersteht seine Partie nur dank des souveränen, wenn auch nicht eben aufregenden Dirigats von Peter Schneider. Aber der kennt und beherrscht immerhin gegen-wärtig als einziger Dirigent die tückische Akustik des Bayreuther Festspielhauses. Thomas Hengelbrock ist mit dem Tannhäuser ja an den Klippen dieses Hauses kläglich gescheitert. Er wird womöglich, wie man hörte, im nächsten Jahr nicht mehr antreten. Dazugewonnen hat offenbar inszenatorisch wie musikalisch der Ratten-Lohengrin von Hans Neuenfels. Nicht zuletzt durch die Umbesetzung der Titelpartie mit dem wunderbaren Klaus Florian Vogt. Aber der Renner der Saison ist nach wie vor der Parsifal von Stefan Herheim. Auf den stürzt sich das Publikum geradezu. Zurecht, denn es ist in seiner Mischung aus sinnlichem Zaubertheater, politischem Historienstück und Bayreuther Rezeptionsgeschichte. Eine Jahr-hundertinszenierung, auch sängerisch ist sie zum Teil sehr gut besetzt. Daniele Gatti am Pult ist zwar keine Offenbarung, dennoch ist das die derzeit einzige Aufführung, die sich uneingeschränkten Zuspruchs erfreuen kann am Hügel. Und es ist wirklich, wie viele meinen, ein Skandal, dass diese Produktion im Gegensatz zu weit unbedeutenderen von der Fest-spielleitung noch noch nicht auf DVD herausgebracht wurde.
Dieter David Scholz: Ach wissen sie, ich glaube, da wird einem Sand in die Augen gestreut. Das sind doch nur Ablenkungsmanöver auf Nebenschauplätze, die vom großen Vakuum im Zentrum der Festspiele ablenken sollen. Worauf es wirklich ankäme, sind künstlerische und konzeptionelle Neubesinnungen im Sinne von Aufwärtsbewegungen im "Kerngeschäft". Um einen Lieblingsbegriff von Katharina Wagner zu benutzen. Hand aufs Herz: Man fährt doch nicht nach Bayreuth, um eine Abklatsch der von Vielen längst als oldfashioned betrachteten Berliner Volksbühnenästhetik zu bekommen. Was man in der Bayreuther Leitungsetage offenbar nur noch nicht gemerkt hat. Man fährt auch nicht nach Bayreuth, um auf der Volksfestwiese zwischen Bier- und Brezelständen mittelmäßiges Theater auf einer noch so hervorragenden Videowand bei akustisch ungünstigen Bedingungen anschauen zu können. Und ein einge-dampfter Ring für Kinder, schön und gut, aber das macht doch jedes Stadt-theater. Das braucht Bayreuth nicht. Nicht die Kinder sind es, um die sich Bayreuth kümmern muß, sondern um die Wagnerenthusiasten. Die laufen Bayreuth zunehmend weg. Weil man inzwischen überall sonst in der Opernwelt das bessere und interessantere Wagnertheater er-leben kann. Wie man liest, hat sich die Zahl der Vorbestellungen schon annähernd halbiert. Die Zeiten, in denen sich auf eine Karte zehn Anwärter bewarben, sind vorbei in Bayreuth. Und am Hügel kann man ja inzwischen für die ungeliebten Aufführungen am Nachmittag reichlich Karten kaufen.
(Aus dem Nord Bay. Kurier)
Moderator:Es gab ja viel Ärger mit der Gründung einer neuen, zweiten Mäzenatenverei-nigung. Haben sich denn die Wogen da etwas geglättet? Dieter David Scholz: Nein, überhaupt nicht. Die Festspielleitung brüskiert nach wie vor die langjährige Hauptmäzenatenvereinigung, der „Freunde und Förderer“, indem sie die neue – die sich Taff nennt – privilegiert und kostenlos in die Vorstellung des Tannhäuser auf die Büh-ne setzt. Und schon wandern offenbar erste Mäzene ab Richtung Baden-Baden. Und wie man hörte, haben Katharina und Eva Wagner bei der jüngsten Jahressitzung der Freunde und Förderer nur demonstrativ Gelangweiltsein und Desinteresse an konstruktiven Auseinan-der-setzungen bekundet. Viele Beobachter fragen sich allerdings auch, warum diese potente und wichtige Stütze der Festspiele nicht Gelegenheit ergreift, wirkliche einmal zu handeln. Sie hat offenbar nicht den Mut, klar Stellung zu beziehen und Katharina und Eva in die Pflicht zu nehmen. Das könnte sie, denn die Festspiele sind kein Familienunternehmen mehr. Die Bayreuther Festspiel GmbH ist dank der neuen Rechtslage quasi ein Staatsbetrieb. Und wenn es um die Gefährdung des Fortbestandes der Festspiele geht, von der die Öffentlichkeit inzwischen mehr und mehr redet, dann könnten die Freunde und Förderer, wie auch die übrigen Gesellschafter durchaus ein wirkungsvolles Machtwort reden. Leider fehlt es da an Courage auf allen Seiten. Offenbar will niemand zugeben, dass es womöglich ein großer Fehler war, auf Wolfgang Wagners Töchter, aufs dynastische Erbfolgeprinzip der Fest-spielleitung zu setzen, was unter vorgehaltener Hand selbst namhafte Mitglieder der „Freunde und Förderer“ zugeben.
Katherina Wagner 2010 Katherina Wagner 2011
Beitrag in MDR Figaro, 16.08.2011
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