Dieter David Scholz

Bericht vom 26.07.2009


Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2009:
Nichts Neues, nur Nebensächliches und
Kosmetik

   

Gestern wurden unter der neuen Leitung von Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner in Bayreuth die 98. Richard Wagner Festspiele eröffnet mit der Wiederaufnahme von "Tristan und Isolde" in der Regie von Christoph Marthaler. Am Pult stand Peter Schneider.

 

Wie immer begann auch in diesem Jahr die Eröffnungsvorstellung der Bayreuther Festspiele mit der Auffahrt der V.I.P. Wie immer hat zahlreiche Prominenz aus Politik, Showbiz und Wirtschaft, angeführt von Bundeskanzlerin Angela Merkel,  für die illustre, ja glamouröse Rahmenhandlung der Eröffnungsvorstellung der Wagner Festspiele gesorgt. Das Prominen-ten-schaulaufen ist für viele das eigentliche Ereignis am Grünen Hügel. Ein Schaulustiger:

„Es müssten nur die Schaulustigen wegbleiben, dann wär die Eitelkeit der Prominenten schnell vorbei. Wir sind wichtig, wir machen das Event. Wir sind Teil des Events. Wenn wir wegblieben, wärs keins mehr.“

Der "Run" aufs Festspielhaus war in diesem Jahr besonders groß, weil erstmals nach fast ei-nem halben Jahrhundert ein Generationenwechsel in Bayreuth stattfand: Nachdem im ver-gangenen Jahr Wolfgang Wagner als Festspielchef abdankte, übernehmen in diesem Jahr die neuen Intendantinnen, die Halbschwestern  Katharina Wagner und Eva-Wagner-Pasquier die Leitung des bedeutendsten deutschen Festivals. Die Erwartungen, die an sie gestellt werden sind hoch. Katharina Wagner, die (zum Photomodell aufgeputzt) die Sprecherrolle des ungleichen Damenduo-Direktorats übernommen hat:

„Es ist ein immenser Druck im Moment, aber man muß den auch ausschalten. Wenn man das wirklich realisiert und drüber nachdenkt, dann könnte man wahrscheinlich gar nicht mehr weiterarbeiten.“

Eröffnet wurden die 98. Richard-Wagner-Festspiele mit einer Wiederaufnahme von Chri-stoph Marthalers "Tristan und Isolde", die Inszenierung kam 2005 heraus und wird in diesem Jahr zum letzten Mal gezeigt.

Die Isolde der schwedischen Sopranistin Iréne Theorin – die optisch wie eine Chefsekretärin auftritt - zerschlägt trotz ihrer mitunter unkontrolliert flackernden, schwer textverständlichen und doch alle Mäßig- und Mittelmäßigkeit der Aufführung hochdramatisch sprengende Stim-me die Tristesse der Marthaler-Inszenierung, die noch immer alle Erwartungen des Publi-kums auf hohem Niveau enttäuscht. - Christoph Marthaler, der Eigenbrötler unter den Regis-seuren, verweigert in seiner Inszenierung das, was die Musik Richard Wagners verspricht.  - Immer  noch hängen Neonleuchten-Sterne bzw. Kringel über der „Tristan“-Szenerie, immer noch schlendert eine total desinteressierte Isolde im blaugrauen Strickkleid (auch im gelben Zweiteiler) über das schäbige Zwischendeck des Ozeandampfers, immer noch dirigiert Peter Schneider gegen das Regie-Vakuum an, vergeblich. Alles Zauberische, Sinnliche, Gefährliche, Erotische  bleibt außen vor. Tristan und Isolde agieren wie zwei unbeteiligte Büroangestellte in dieser hitzigen „Handlung“, mit der Wagner dem „schönsten aller Träume“ ein Denkmal setzen wollte.

Robert Dean Smiths schlägt sich wacker  als Tristan – er seht aus wie ein gealterter College-Boy  im blauen Club-Jackett mit gestreifter Krawatte und hochglanzpolierten braunen Schuhen. Auch Robert Holls König Marke ist sicher nicht das Non plus ultra des Wagner-gesangs, man hat nicht nur in Bayreuth schon ganz andere Stimmen in diesen wie den übrigen Parien des Stücks gehört.  Nun animiert Marthalers inszenierte Müdigkeit womöglich nicht zu sängerischen Superlativen. Seine Inszenierung ist im Laufe der Jahre nicht aufregender ge-worden. Das Bühnenbild von Anna Viebrock drückt aufs Gemüt wie bei der Premiere vor 5 Jahren. Ein holzpaneelierter Gesellschaftssaal, eine gekachelte Wartehalle oder ein Leichen-keller mit ausrangierten Neonöhren an den Wänden, der Raum zumeist im sachlichen Arbeitslicht. Einzige wesentliche Neuerung in diesem Jahr ist ein Rettungsreifen an der Rückwand. Es sind klaustrophobische Räume, aus denen es kein Entrinnen gibt, abgelebte Räume der Fünfziger-, Sechzigerjahre mit herunterhängenden Tapeten, schäbigen Möbeln und Requisiten einer Spießergegellschaft. Wagners „Opus metaphysicum“ – wie Nietzsche den „Tristan“ zurecht nannte - gerinnt bei Marthaler zum Spießer-Endspiel der emotional Unterkühlten, der Überforderten. Da retten auch die geschmäcklerischen Lichtspiele der bewegten Neonröhren-Kreise am Bühnenhimmel nichts.

Auch wenn er alles andere als eine spektakuläre Inszenierung ist: Der "Tristan" Christoph Marthalers und Peter Schneiders wird am 9. August als „Public Viewing“ in einer Direkt-übertragung aus dem Festspielhaus auf einer 90-Quadratmeter-Leinwand auf dem  Bayreuther Volksfestplatz zu sehen sein. Ansonsten gibt es nichts Neues in Bayreuth dieses Jahr. Außer erstmaligen Werkeinführungen am Grünen Hügel und einer Kinderversion des „Fliegenden Holländers“. Hat  Bayreuth solche Lock-Veranstaltungen, die deutsche Stadt-theater schon seit 20 Jahren pflegen, nötig? Auch die Imageaufpolierung des Einlass-Perso-nals mit Brombeer-Violett, die Einrichtung von Silver- und Golden-Lounges für besonders Betuchte, Sponsoren und V.I.P. ist doch nur Kosmetik und Nebensächlichkeit. Und dass man an Arnold Brekers Richard- und Cosima Wagner-Büsten Hinweisschilder anbrachte, dies sei Ausdruck der nationalsozialistischen Gesinnung, ist überflüssig. Jeder, der nach Bayreuth kommt, weiß das. Oder ist das der Anfang der lauthals angekündigten  Aufar-beitung der nationalsozialistischen Geschichte Bayreuths, die Katharina angekündigt hat. Als o dazu von Michael Karbaum, Hartmut Zelinsky, Brigitte Hamann und vielen anderen nicht schon alles gesagt wäre!

Ärgerlich ist inzwischen die hartnäckige Verweigerungshaltung (der an sich sympathischen) Eva Wagner-Pasquier gegenüber der Öffentlichkeit. Bei der anberaumten Pressekonferenz am Tag der "Tristan"-Premiere wollte sie zunächst gar nicht vor die Mikrofone und Kameras der zahlreich angereisten Weltpresse, dann hauchte sie zögerlich und unsicher "Guten Morgen, meine Damen und Herren, ich wollte mich auch mal vorstellen, nachdem ich ja immer als Phantom gelte, bis jetzt waren wir ja sehr selten aufgetreten, das wird sich jetzt ab heute sowieso ändern", verschwand und keine Fragen durften sein. So düpiert man die Presse. Das ist nicht nur ein Akt großer Unhöflichkeit gegenüber der zahlenden Öffentlichkeit (schließlich sind die Bayreuther Festspiele fast so etwas wie ein Staatsbetrieb inzwischen), sondern es ist auch unprofessionell und dient dem Image der Bayreuther Festspiele ganz sicher nicht in einem positiven Sinne.

Bis zum 28. August stehen Reprisen von Katharina Wagners "Meister­singer von Nürnberg", Tancred Dorsts "Ring" sowie Stefan Herheims überwältigendem  "Parsifal" auf dem Programm. Alle 30 Aufführungen sind seit Monaten ausverkauft. Noch ist der Ansturm auf die Bayreuther Festspiele ungebrochen. Das könnte sich ändern, wenn  aufgrund der Tarif-steigerungen der nichtkünstlerischen Mitarbeiter der Bayreuther Festspiele, derentwegen die Gewerkschaften  in den letzten Wochen die Eröffnungspremiere mit Streikdrohungen überschatteten, die Eintrittspreise womöglich drastisch erhöht werden müssen. Keine leichten Startbedingungen für die neuen Intendantinnen der Bayreuther Festspiele.

 

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