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Dieter David Scholz
Buchbesprechung in MDR Figaro, 31.08.2011
Hans Neuenfels: Das Bastardbuch
Seine Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper „Aida“ 1980 in Frankfurt am Main war einer der größten Opernskandale. Doch mit Skandalen hat Hans Neuenfels Karriere gemacht. Er war von Anfang an ein Quertreiber, ein Enfant terrible, ein Rebell, und ein Bastard, wie er in seinem „Bastardbuch“ bekennt. Der 1941 in Krefeld geborene Sohn eines Regierungsrates und einer musisch angehauchten Mutter bricht schon zu Beginn seines Buches unter Berufung auf Shakes-peare und Kleist eine Lanze für die Bastarde. Sie seien „anrüchig, ehrgeizig, verschlagen, geil und rücksichtslos“. Mischlinge eben, Außenseiter, „vogelfrei“ und „keinesfalls astrein“, jenseits jedenfalls von sogenannter Normalität. Besser hätte er sich selbst nicht charakterisieren können.
In schonungsloser Offenheit und mit hinreißender erzählerischer Begabung schildert Neuenfels auf über 500 Seiten seine bisherige private wie künstlerische Lebensgeschichte, die sich im We-sentlichen zwischen Wien, Paris, Luzern, Heidelberg, Frankfurt und Berlin abspielte. Er schildert seine Ausbildung an der Folkwangschule Essen und am Wiener Max-Reinhardt-Seminar, ortet seinen künstlerischen Standpunkt aus dem Geist der Achtundsechziger, und streut witzige Anek-doten ein, plastische Erlebnisse, packende Erkenntnisse und anrührende Bekenntnisse. Er schreibt über Stücke, Inszenierungen und Konzepte, Schauspieler, Sänger und Dirigenten. Und er rechnet ab: mit Kritikern, Kollegen und Intendanten, mit der Öffentlichkeit und mit den Kulturpolitikern. Besonders hart trifft es die Berliner. Seine erfolglose Intendanz an der Freien Volksbühne scheint eine bis heute nicht verheilte Wunde zu sein. Vor allem aber ist das Buch eine Chronique scandaleuse, die mit jenem Happening 1966 beginnt, bei dem er die Altnazis aufforderte, den Trierer Dom abzureißen, über seine beispiellos verrissene „Fledermaus“ in Salzburg 2001 bis hin zum „Idomeneo“-Skandal 2006 an der Deutschen Oper Berlin, als seine religionskritische Inszenierung aus Angst von fundamentalistischen Anschlägen abgesetzt wurde. Das nimmt er Intendantin Kirsten Harms persönlich übel.
Es ist ein Vergnügen, das „Bastardbuch“ von Hans Neuenfels zu lesen. Er hat es seiner Ehefrau, der Schauspielerin Elisabeth Trissenar gewidmet. Es ist ein sehr persönliches und ein sehr kluges Buch: voller Humor, Poesie, gedanklicher Ernsthaftigkeit und intelligenter Provokation. Neuen-fels ist noch immer ein anarchischer und furchtloser Zeitgenosse, der kein Blatt vor den Mund nimmt und einen eigenen Kopf hat, jenseits von Zeitgeist. Gegen Ende des Buches beschreibt er die Rettung einer kleinen Fledermaus, die sich eines Nachts während seiner Probenzeit in Bay-reuth im Vorhang seines Zimmers verfangen habe. Die Schilderung ihres Zitterns in seiner Hand gerät zum Exkurs über die Angst. Auch er, der große Neuenfels, habe vor vielen Theatern, The-atermachern, Stücken und Premieren Angst gehabt, so bekennt er freimütig. Anders in Bayreuth. Dort habe er dieses Gefühl nie gehabt. Dass seine 2010 so kontrovers aufgenommene, bei der Premier ausgebuhte Inszenierung der „Romantischen Oper“ „Lohengrin“ als Ratten-Experiment in diesem Jahr so gefeiert wurde, dürfte der Altmeister des Regietheaters als Genugtuung emp-funden haben. Nach der Lektüre dieser lesenswerten Autobiographie, die mit vielen Photos, einem Inszenierungsverzeichnis und einem nützlichen Register versehen ist, freut man sich mit dem Autor.
Hans Neuenfels: "Das Bastardbuch. Autobiographischen Stationen“. 512 Seiten. Edition Elke Heidenreich im Bertelsmann Verlag. 24,99 Euro.
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