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Dieter David Scholz
Aus aktuellem politischem Anlass und persönlichem Betroffensein (ich habe immerhin einen wichtigen Teil meiner Kindheit in Kairo verbracht und betrachte Ägypten als zweite Heimat) Am 8.02.2011
Das Volk steht auf. Historischer Umbruch in Ägypten
Seit 15 Tagen schon demonstriert, ja revoltiert das ägyptische Volke gegen seinen Dik-tator und dessen Regime, von dem es 30 Jahre lang unterdrückt und ausgebeutet wurde. Die größte Demonstration in der Geschichte Ägyptens. Eine weltgeschichtliche Umwälzung. Das Land der Pharaonen, in dem die Mühlen bisher nur sehr langsam mahlten, ist ins Zeitalter von Twitter und Facebook gekommen. Die Jugend hat keine Angst mehr. Ägypten – das ge-heimnisvolle Land am Nil – wie es einmal war - verändert sich, schlagartig. Das traditionelle Bild von Ägypten, das neben Kunsthistorikern nicht unwesentlich von Komponisten geprägt wurde, gerät ins Wanken.
Mozarts Zauberflöte hat jenes faszinierende Ägyptenbild mit seinen magischen Riten, hiero-glyphenhaften Zeichen und geheimnisvollen Gottheiten zementiert. Auch wenn das ein Missverständnis war. Aber die Vorstellung von den Pyramiden, der Wüste, den Palmen und den Pharaonenkulten am Nil wurde schon seit Anbeginn des Barockzeitalters auf die Opernbühne gebracht als Inbegriff des Exotischen. So wie Cleopatra als Inbegriff des Erotischen. Händels „Giulio Cesare“ ist nur dir prominenteste von vielen solcher Ägypten-Opern.
Erst mit Napoleon, der tonnenweise Kunstschätze und Altertümer aus dem Land der Phara-onen fortschaffte, begann eigentlich das wissenschaftliche Interesse an Ägypten. Da freilich hatte es schon eine mehr als 5000-jährige Geschichte hinter sich. Die ältesten Berichte von Ägypten sind durch das Judentum und frühe Christentum überliefert worden. Diese alttesta-mentarische Geschichte von Moses und dem Auszug der Juden aus Ägypten wurde von Ros-sini auf unvergessliche Weise auf die Opernbühne gebracht. Ägypten gilt seit der Bibel als Land sagenhaften Reichtums aber auch menschenverachtender Unterdrückung des Volks durch seine Potentaten. Über tausende von Jahren war das in Realität, bei den Pharaonen, den Griechen, den Römern, den Byzantinern, den Persern, den Osmanen und den Arabern, die Ägypten nacheinander regierten. Erst das kurze Intermezzo der Franzosen und der Briten setzte neue Wegmarken. Wirtschaft und Handel nehmen Aufschwung. 1869 wird der Suezkanal eingeweiht. Kein Geringerer als Giuseppe Verdi schrieb dafür eine Oper auf ein altägyptisches Sujet.
Als Verdis Pharaonendrama „Aida“ im schönen Opernhaus von Kairo uraufgeführt wurde, sah die Wirklichkeit Ägyptens natürlich schon ganz anders aus. Kairo war eine moderne Me-tropole im Kolonialstil geworden. Freilich gab es auch noch das jahrhundertealte Kairo mit seinen Moscheen und Minaretten, Palästen, Pyramiden und Ruinen.Viele Bildende Künst-ler und Musiker hatte es deshalb seit dem 19. Jahrhundert nach Kairo gezogen. Unter an-deren auch Camille Saint-Saens, Hans von Bülow, Engelbert Humperdinck, Félicien David und Richard Strauss.
Unter König Fuad, 1922-1952, erlebte Ägypten seine liberalste Zeit. Doch 1952 wurde die Ägyptische Regierung gestürzt, zwei Jahre später übernahm General Nasser das Minister-präsidentenamt und verkündete das Modell eines arabischen Sozialismus. Der endete 1967 mit dem überraschenden Tod Nassers nach der Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg in einer miserbalen wirtschaftlichen Situation. Seither lag das Land der Pharaonen in Agonie, trotz Anwar Sadats Versuchen der Modernisierung und Anbindung an den Westen. Er wurde ermordet. Das war die Stunde für Hosni Mubaraks Aufstieg. Seit 30 Jahren regiert er mit Notstandsgesetzen, Härte und gigantischem Geheimdienstapparat. Vetternwirtschaft, Korruption, Zensur und Unterdrückung Andersdenkender sind Alltag. Resignation breitete sich aus. Der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus brachte es Mitte der Sech-zigerjahre in seinem Roman „Das Hausbot am Nil“ auf die Formel: “Wenn nur die Was-serpfeife kreist, braucht uns nichts mehr zu kümmern“. Sänger wie die legendäre Umm Kul-thum, die volks-tümliche Callas von Kairo, besangen das einfache Leben mit seinen Sorgen und Freuden, die Sehnsüchte der Menschen und die Ohnmacht gegenüber der Politik.
Nicht erst seit der Ermordung Anwar el Sadats und der Machtübernahme Hosni Mubaraks 1981 befindet sich Ägypten in gelähmtem Ausnahmezustand. Längst hatte sich ein System von Korruption und Vetternwirtschaft, Polizeistaat und Unterdrückung Andersdenkender etabliert, das Armut, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und Perspektivlosigkeit für die breite Bevölkerung und Reichtum und Luxus für die Spitze der Gesellschaft bedeutete. Das Mass ist nun voll. Jetzt ist Ägyptens ganzes Volk - ermutigt von den revolutionären Vorgängen in Tunesien - angeführt von Ägyptens mündiger Jugend, der Generation Facebook, so mutig wie friedlich aufgestanden gegen seine Unterdrücker. Es bleibt zu hoffen, dass es ihm gelingt, das alte System abzuschaffen und ein neues, freies, modernes und demokratisches Ägypten aufzubauen. Ohne die alte politische Garde und ohne die alten Generäle. Dieses neue Ägypten könnte Wegweiser werden für die ganze arabische Welt. Eine reale Utopie, zum Greifen nahe. Möge es nicht so kommen, wie in Philip Glass´ Ägypten-Oper „Echnaton“, in der das Ende der alten Herrschaft die Kräfte der Reaktion, des Konservatismus und des Extremismus stärkt und Chaos um sich greift!
Beitrag in MDR Figaro 08.02.2011:
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